1000 mal Naumburg an der Saale

Leitartikel

Veröffentlicht am

Wollen wir uns 2028 nur mit leeren Ladenlokalen schmücken?

Von

Ralph Steinmeyer

Es war ein regionaler Politiker einer kleineren Partei, der bei der ersten Vorstellung des Konzepts 1000mal Naumburg im Turbinenhaus unkte, „2028 ist sowieso alles zu spät und die Geschäfte geschlossen“. So weit darf es nicht kommen, auch wenn sich nun, zwei Jahre später, dieses Orakel am Holzmarkt, aber auch weiterhin in der Salzstraße wie in der Herrenstraße schmerzhaft andeutet (immerhin gibt es im Steinweg eine positive Veränderung und eine gastronomische Dichte).

Der Steinweg während der Fête de la musique am 21. Juni

Und es stellt sich die Frage, wie wollen wir uns den Besuchern der Stadt im Jubiläumsjahr präsentieren, „Rausgeputzt“- Aktionen wie jedes Jahr Ende März dienen lediglich zum Müll einsammeln, es ist kein „Dorfverschönerungsverein“. Doch genau der ist gefragt. Und es stellt sich die Frage, wie sich diese Stadt schmücken will in den kommenden Jahren. Und man muss sich von Standpunkten trennen, die seit den 90er Jahren z. B. von den Denkmalschützern  Klaus Jestaedt und Ulrich Böduel vertreten wurden: dass die meist mittelalterlichen Häuser  Schmuck genug sind (dank Modellstadt Millionen). Auch im Vorfeld der Landesausstellung 2013 im Domumfeld wollte man seitens der Domstifter in einer Expertise die freie Sicht auf dem Dom, ohne die Linden am Domplatz. Davon ist man heutzutage vor allem durch das langjährige bürgerliche Engagement der Domlindenfreunde weit entfernt.

Eine KI Animation einer Ansichtskarte von 1932, die eindrucksvoll zeigt, wie belebt der Holzmarkt damals war.

Aber wenn man die Innenstadt wieder beleben will, muss man die Aufenthaltsqualität erhöhen. Die Verweildauer muss nicht nur für die Touristen attraktiver gestaltet werden, auch die Einheimischen, voran jüngere Bewohner muss das Gefühl vermittelt werden, nicht nur als Kaufkraft erwünscht zu sein. Der Slogan „Immer ein Platz frei“ der roten Stühle, die vor Geschäften und Privathäusern zur 1000 Jahrfeier einladen, ist ein erster Ansatz. Und das dies seitens der Stadtverwaltung, voran des Ordnungsamtes zugelassen wird, ist löblich und ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Foto: Nachbarschaftsinitiative Klettenplätzchen, Köln Sülz

Vor gut drei Monaten recherchierte ich im Netz nach roten Stühlen in der Kunst und fand in Köln eine ähnliche Aktion wie bei uns, von der Hochschule für Architektur und Künste, die mit Wanderbäumen und (hundert) roten Stühlen den Kölner Neumarkt zu einem quasi italienischen Piazza umgestalteten. Auch bei Nachbarschaftsfesten wie in Köln Sülz bringen die roten Stühle die Menschen zusammen.

Gute Ideen gibt es nicht nur einmal, dachte ich, aber mir wurde auch bewusst, dass diese ursprüngliche Marketingidee mit gebrauchten und (in Stadtfarben) umlackierten Stühlen nicht nur Werbung für das Jubiläum, sondern auch Teil einer viel größeren Maßnahme sein könnte. Und das dies unter Umständen gar nicht mit viel Geld zusammen hängen muss, sondern mit bürgerlichen und privaten finanziellen Einsatz machbar ist, beweisen ja die roten Stühle, von denen es Stand heutiger Tag schon 100 an der Zahl gibt. Aber wie wäre es mit generell mehr mobilen Sitzmöglichkeiten und Grün in Pflanztrögen in der Stadt, mit Schachspielen und Fußballkickern, die Geschäfte morgens herausstellen, und über Nacht wieder hereinholen. Es gibt seitens der Stadt und des Innenstadtvereins wie auch des Bürgervereins Verfechter für solche Projekte, aber abgesehen vom finanziellen- ist der persönliche Aufwand dafür entscheidend. Und auch der Masterplan „Grüne Innenstadt“ geht in diese Richtung, ist aber von weitreichenden Förderungen abhängig und die grüne Umgestaltung von Teilen des Marktplatzes wie geplant ist im Vorfeld der 1000 Jahrfeier im Moment  Zukunftsmusik.

Der mdr berichtete vor einem Jahr in einem Artikel und Interview mit Prof. Frank Eckardt von der Bauhaus Uni Weimar über solche Ansätze der Innenstadtbelebung. Der Tenor:  Auf den großen Investor, die nächste Handelskette können in Zeiten von Internet-Shopping die meisten kleineren Städte vergeblich warten, Leerstand ist somit vorprogrammiert. Um diesen zu füllen, brauch es nicht viel Geld, sondern Ideen, Regionalität und Menschen vor Ort, die sich engagieren. Und genau da haben wir hier in Naumburg doch schon im Vorfeld viel Engagement bewiesen. Man muss uns nur machen lassen! Der mdr Artikel ist leider nicht mehr online, deshalb noch ein kleiner Auszug ergänzend daraus:

Wenn die 1000 Jahrfeier nachhaltig sein soll, wird es wichtig sein, alle Bevölkerungsgruppen sichtbar zu machen, in dem man ihnen Aufenthaltsorte nicht nur baulich schafft, sondern die bestehenden Plätze inhaltlich füllt. Domplatz und Marktplatz werden da 2028 nicht ausreichen, um dem Andrang von Gästen gerecht zu werden. Aber all das, was noch geschaffen werden kann, wie mehr Sitzmöglichkeiten unter grün, oder leere Ladenlokale für Initiativen und Vereine zu öffnen, wie Spielmöglichkeiten, ob für Kinder oder Erwachsene (Klaviere, die zum Spielen einladen oder Bocciabahnen / Schachspiele) wird  auch in den Jahren danach die Stadt beleben. Darüber lasst uns nicht nur sprechen, sondern zeitnah handeln.

 

 

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