Jürgen Walterscheid ist Anfang der 50er Jahre in Wuppertal geboren und ist 75 Jahre alt. Hätte man ihm vor Jahrzehnten gesagt, dass er sein Rentenalter hier in Naumburg verbringen würde, er hätte ungläubig geschaut. „Ich wusste gar nicht, wo Naumburg liegt. Da mussten schon einige Zufälle zusammen kommen…“ Sein Beruf war Housekeeping, also Zimmer- & Raumpflege. Als Subunternehmer bewarb er sich in den 90er Jahren bei der Firma Stadler in Bamberg, die in Naumburg das Einkaufszentrum in der Bahnhofstraße wie auch das Hotel Kaiserhof betreut. „Man sagte mir, entweder alle, oder keine und so kam ich an mehr als ein Dutzend Hotels, wo ich die Reinigungskräfte organisierte. In Wuppertal war das zum Großteil auch die Organisation von Geräten, in meinem neuen Job der reine Einsatz von Manpower.“ Frauenpower könnte man ergänzen, da ja meistens Frauen die Hotelzimmer reinigen. Und die Hotels waren über das ganze Land verstreut, in München, in Chemnitz oder an der mecklenburgischen Seenplatte, da kamen jeden Monat viele Autobahnkilometer zusammen.
Eine Anekdote spielte ausgerechnet in Naumburg, im Hotel Kaiserhof: „Ich hatte mein Kommen immer am Team. Mit einer Einladung zu einem Abendessen versuchte ich den Widerstand als Charmeoffensive zu brechen, aber alles in allen dauerte es schon eine gehörige Zeit, bis das Vertrauen hergestellt war.“ Ich frage, ob das was Naumburg Originäres wäre. „Nein, nein, das Vorgängerunternehmen war ein ostdeutsches, nun hatten sie es mit einem „Wessi“ zu tun, das war der Grund für das Versteckspiel.“ Der Job hatte auch angenehme Seiten, wenn alles lief, konnte auch schonmal ein Urlaubstag in bester touristischer Lage herausspringen. „In der Zeit habe ich von Deutschland so viel gesehen, aber auch, wie schön dieses Land ist. Aber wenn dann das Telefon klingelte, war schnell Gefahr in Verzuge. Konnten aufgrund von Krankheitsfällen nicht alle Zimmer in einem Hotel gereinigt werden, wurde mir angedroht, dass ich den Kostenausfall des Leerstands übernehmen muss. Oder der Zoll machte eine Razzia, um zu prüfen, ob alle Beschäftigten ordentlich gemeldet waren. In Naumburg sogar mit gezückten Pistolen…“ Nach zehn Jahren war Schluss. Jürgen war Anfang 60 und bekam gleich zwei Burn Out Anfälle in kurzen Abständen. “Da schlich ich mit 40 Km über die Autobahn, hinter mir hupende Sattelschlepper und konnte nichts machen. Ich fuhr von der Autobahn ab, checkte im nächsten Hotel ein und lag dort zwei Tage regungslos auf dem Bett.“
Soweit die Vorgeschichte des aufzehrenden Lebens auf der Überholspur. Aber es gab eine gute Freundin in Naumburg, die auch heute noch eine enge Vertraute ist und so kam diese Stadt als Wohnmittelpunkt ins Spiel, das war 2010 und Jürgen lebt nun schon 16 Jahre hier und will nicht mehr weg. Was ist das Besondere an Naumburg? „Dass alles so nah beieinander ist, man umgeben ist von schönen Bauwerken und gleichzeitig mit dem Fahrrad oder zu Fuß in der Natur ist. Und da mag ich vor allem den Blütengrund, am Campingplatz sitze ich öfters oder an den Stromschnellen bei Almrich. Und ich mag es hier vor der Eisdiele am Markt zu sitzen und dem Treiben zuzuschauen. Am Anfang hatte ich etwas Angst vor den Wintermonaten, wo wenig los ist in der Stadt, aber das hat sich als unbegründet herausgestellt.“ Und gibt es eine andere Stadt, wo Du hättest auch leben wollen? „Ja, die gibt es schon, Regensburg ist meine absolute Lieblingsstadt, vor allem zur Weihnachtszeit, wo es sowohl in der Alt- wie in der Innenstadt jeweils einen Weihnachtsmarkt gibt. Und da gibt es wirklich nur weihnachtliches an den Ständen.“

Hast Du überhaupt ein Hobby? „Kochen ist mein Hobby und ich koche gerne üppig, zum Beispiel habe ich bei einem Schwarzbierbraten drei Kilo in der Schmorpfanne gehabt…“ Und mit wem hast Du das gegessen? „Ach, da lade ich mir schon Freunde ein, meine ehemalige Partnerin samt Familie oder Bekannte. In Schwelm hatte ich vor Jahrzehnten ein Restaurant, das Kartoffelhaus. Und vor gut sechs, sieben Jahren habe ich im „Bocks“ auf dem Steinweg gearbeitet, da war Matthias Schrödl der Wirt. Sowohl in der Küche wie im Service war ich und es hat viel Spaß gemacht. Aber den Winter ohne Touristen hat das Bocks damals nicht überlebt, man hatte zu wenig Angebote für die Naumburger Kundschaft und auch zu spät reagiert. Das hätte ich mir gut vorstellen können, dort in Teilzeit weiterhin auszuhelfen. Aber selber ein Restaurant in Eigenverantwortung zu führen, dafür bin ich nun zu alt und würde mir den damit verbundenen Stress auch nicht noch einmal anziehen.“
So hat sich Jürgen Walterscheid ein ruhiges Leben in Naumburg geschaffen, ein Rentnerleben. Und mir fällt in Blick auf alle mir bekannten Zugezogenen auf, dass das von Bürgermeister Emil Kraatz Ende des 19. Jahrhunderten ausgerufene Pensionopolis auch heute wieder eine Bedeutung als Stadtentwicklungskonzept gefunden hat. Und alle bisher Interviewten nennen die kurzen Wege, die schöne Altstadt und die Natur belassene Weinregion als Bindungsorte. „Ich hab‘ so viel gesehen und war in so vielen Ländern da bin ich froh, wenn ich hier sitzen kann und das Leben genieße. Naumburg ist entschleunigend!“ Auch ein schönes Motto für diese Stadt. Ich habe nachgeschaut und als Stichworte für Entschleunigung in Städten bei Google gefunden: Weniger Autos, mehr regionale Produkte, reiche Kultur und Identität wie ein bewusstes Leben. Dass sollte diese Stadt sich noch mehr auf die Fahnen schreiben und zum Programm mache
