Sieglinde Roloff ist auch eine Zugezogene, die ihre Wahlheimat nie mehr verlassen hat. 1943 in Gotha geboren und in Gräfentonna aufgewachsen, zog sie 1978 nach Naumburg, um das Haus der Familie gegen alle Widerstände der Mangelwirtschaft zu renovieren. Von 1984 bis in die Nachwendezeit 2004 arbeitete sie in der Stadtverwaltung und da vor allem im Kulturamt. Dass das Kirschfest den Zusatz Hussiten bekam, schreibt man ja gewöhnlich dem Stadtchronisten Johann Georg Rauhe im ausgehenden 18. Jahrhundert zu, aber in Wirklichkeit war es Sieglinde, die mit der Wende Ende der 80er Jahre das Hussiten Kirschfest begründete. In DDR-Zeiten interessierte die Hussiten Sage wenig, die sozialistischen Bruderstaaten waren da wichtiger, so dass es erst 1990 offiziell Hussiten-Kirschfest hieß. Eindrucksvoll war für sie als Neu-Naumburgerin das Stadtjubiläum: „Mein erster Eindruck bei der 950 Jahrfeier war ein Russe, der auf einem LKW hinten stand, und ein Kind im Arm hielt. Er stellte das Teltower Denkmal nach, wo ebenfalls ein russischer Soldat ein Kind im Arm hält.“ Die rußenden und stinkenden LKWs in dem Kirschfestumzug störten sie derart, dass sie Jahre später als Kulturamtsleiterin und maßgeblich prägend für den Kirschfest-Umzug alle motorisierten Gefährte verbannte. „Die Stadt autofrei zu halten ist uns leider nie gelungen“, ergänzt sie verschmitzt lächelnd. Auch an ihren ersten Tag im Kulturamt, das Kulturabteilung genannt wurde, erinnert sie sich gut: „Ich fragte, habt Ihr einen Stadtplan? Dies wurde verneint, man hatte nur einen Vorkriegsplan, auch aus der Angst heraus, dass man mit der Abbildung von allen Gebäuden der Stadt bei der russischen Kommandantur Begehrlichkeiten wecken könnte.“ Heute unmöglich: Die Kultur, wie man auch zu sagen pflegte, hatte inklusive der Museen 44 Mitarbeiter, die alle Sieglinde unterstanden.
Was ist das Besondere an Naumburg, das vor allem Zugezogene hier festhält? „Dass es landschaftlich von der Umgegend wie auch von der Geschlossenheit der Stadt besonders ist. Alles klein, aber alles vertreten…und alles irgendwie anders als woanders…“ Was ein Imagesatz für die Stadtvermarktung sein könnte, meint Sieglinde aber auch als ein sowohl als auch: „Diese Stadt kommt oft gewöhnlich, gemütlich, etwas verschlafen daher und dann auf einmal wieder wie eine Weltstadt, mit besonderen Künstlern, die sich hier niederlassen oder auch kulturellen Veranstaltungen, die die Stadt größer erscheinen lassen, als sie in Wirklichkeit ist.“
Sie möchte vor allem an die Künstler erinnern, die diese Stadt in ihrer Lebenszeit so besonders gemacht haben, als da wären in der Nachkriegszeit: Erwin Müller (Maler, 1893 Reichenberg, gest. 1978 Nmb, 2016 große Retrospektive im Schlösschen), Fritz Ernst Rentsch (Maler, 17.4.1867 Dresden, gest. 26.12.1946 Nmb), Anny Schäfer (Pianistin, 13.11.1859 Diez, gest. 30.5.1952 Nmb)), Erich Menzel (Maler, 1909-1990?), Bernd Grothe (Grafiker, 3.6.1906 Welfesholz, 7.9.1977 Nmb), Grete Tschaplowitz-Seifert (Bildhauerin, 17.1.1889 Proskau (Schlesien), 14.9.1977 Nmb), Ursula Vehrigs (Malerin, 1893 in Mertendorf geboren und dort auch gestorben), Fritz Amann (Maler, 11.11.1878 Untermhaus, 25.5.1969 Nmb)
Und in den 70er & 80er Jahren: Klaus Sängerlaub (Maler, ab 1969 in Naumburg), Thomas Müller (Grafiker, 1955 in Döbeln geb., aufgewachsen in Nmb, heute Lpz), Gerhard Knespel (Maler, 15.7.1933, ab 1988 in Nmb, gestorben im April2010), Margret (Keramikerin, 1941 Nmb) & Rolf-Rüdiger Weise (Keramiker, 9.5.1941 Jena, gest. 2006 Nmb), Johannes Konopka (Lyriker, 17.3.1928 Nmb, gest. 2016 Nmb), Marlies Kühn (Töpferin) und ihre Mutter, die Gobelins knüpfte. Nicht zu vergessen Jochen Gericke, der Leiter des Romanisches Haus zu DDR-Zeiten war und als Kunstkritiker für die MZ schrieb. Mit Einschränkung aber, wie sie sagt: „Gericke hat das Gedenken an Klinger nicht gefördert, politisch eher ausgeklammert.“ Last not least Peter Stahl und seine Frau Roswitha, die das Naumburger Puppentheater von 1988 bis zum Jahr 2000 als „Kleine Bühne“ zu einem kulturellen Mittelpunkt der Domstadt umbauten. Nach seinem Weggang an das Theater in Bautzen brillierte er dort überregional beachtet als Egon Olsen. Er starb 77-jährig im Jahre 2016 in Bautzen. Beider Tochter Christine Stahl wohnt allerdings in Naumburg und arbeitet am Puppentheater in Erfurt und an und wann auch als Gastregisseurin in Naumburg.

Sieglinde ist immer noch im kulturellen Leben äußerst rege unterwegs, immer mit einem Lächeln und einer positiven Herangehensweise an das Leben in Naumburg und deren Bewohner. Zwanzig Jahre war sie Vorsitzende im Museumsverein, ist bei den Freunden der Hildebrandt-Orgel und in der Hospizbewegung aktiv. Auch wenn es zu Fuß nicht mehr so flott voran geht und das eigene Elektrorad zu schwer für die Hände wird, sie ist weiterhin im öffentlichen Leben der Stadt zu sehen, zum Beispiel auf einen Cappuccino in der Eisdiele am Markt.
Zum Schluss noch die Frage an sie, was diese Stadt noch so Besonders macht und ihre spontane Antwort darauf: „Wer einmal in Naumburg war, kommt immer wieder“ Auch das könnte ein Stadt-Motto sein.
