1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Geschichten

Die Geschichte der Rock-Musik in Naumburg über ein halbes Jahrhundert

Von

Harald Boltze

Ein Artikel aus dem Naumburger Tageblatt von 2013

Die 60er Jahre

Wir landen bei Dieter „Billy“ Rossol im Bastelkeller. Gerade hat er aus einem alten Wehrmacht-Mikrofon, einer verchromten Fahrradstange und einer Stehlampe das modernste Mikrofon der Naumburger Beat-Szene gebastelt. Der Beat war die Musik der Zeit und Rossols „Luniks“ nehmen 1963 eine Vorreiterrolle ein. „Wir hatten kaum Technik, mussten alles improvisieren“, erinnert sich Rossol heute. Als Elektriker fing er an, selbst Verstärker zu bauen. Und versorgte damit etliche Gruppen der Stadt. Und diese Gruppen schossen schon bald wie Pilze aus dem Boden. Es gründeten sich die „Helios“, die „Lunas“, die „La Stradas“, die „Elektras“ und die „Dianas“.

Wenn sie in ihren Anzügen (die damals als gewagt galten) und den aus „dem Westen“ besorgten Beatles-Noten im Bürgergarten, Ratskeller, am Halleschen Anger oder in der Neuen Welt auftraten, waren die Tanzflächen voll. Hinzu kamen Namenswechsel und Auftrittsverbote. „Die Staatsführung nahm die Musik als Bedrohung wahr. Erst Ende der 60er arrangierte sich die SED mit der unsozialistischen  Jugendkultur“, erinnert sich Harald „Shake“ Jäschke, der heute in Bad Lobenstein lebt, aber noch genau sagen kann, wer wann vom „Diana-Schau-Quintett“ zu den „Tanos“ gewechselt ist.

Überhaupt die „Tanos“: Nicht nur eine der beliebtesten Gruppen. Nein mit der Einstufung „Sonderklasse“ durfte sie sogar im sozialistischen Ausland auftreten. „Billy“ Rossol: „Als Tanos waren wir aber keine Naumburger Band, sondern das Klubtanzorchester des Braunkohlekombinats Mücheln.“ Und immerhin, die „Tanos“ überlebten sogar die Wende. Doch Moment, obwohl wir die Zeitmaschine wieder anwerfen, ist die Wendezeit noch fern.

Die 70er Jahre

Der Begriff „Einstufung“ ist bereits gefallen, und wir treffen ihn im Kreiskulturkabinett wieder. Hier hatte „Fachmethodiker“ Uwe Cario sein Büro. Hier entschied er, wer in Naumburg auftreten durfte und wer nicht. „Zumindest in der Grund- und Mittelstufe“, wie der Tonstudio-Betreiber aus der Michaelisstraße sich heute erinnert. Wenn es um die Oberstufe ging, hatten SED- und FDJ-Kreisleitung sowie das Volkspolizeikreisamt das letzte Wort. Cario: „Auch wenn da musikalisch weder Interesse noch Ahnung vorhanden waren.“ Im Jahr 1976 durften sich zum Beispiel das „Medium Quintett“, die „Melodia-Combo“, die „Saalerhythmiker“, das „Tanztrio Asgero“ und das „Tanzorchester Wi-We-Na-Blau-Silber“ über die Einstufung „Oberstufe“ freuen. Bessere Auftritte und bessere Bezahlung brachten das ein. 6,50 Ostmark pro Stunde gab es am Wochenende als Gage. Alles war schließlich reguliert. Zudem gab es die bekannte 60 / 40 Quote. „Doch da wurde zu Beginn eben ein kurzes Medley mit 13 DDR-Titeln gespielt, und die Quote war erfüllt. Wir waren ja nicht blöd“, so Carius, der zwar selbst ein Parteibuch hatte („ich war rot und stehe dazu“), aber als Band-Musiker, sowie Schallplattenunterhalter genau wusste, welche Hits die Leute hören wollten. Zudem hatte er den Jugendklub „Hohes C“ am Markt geleitet und stand später dem Jugendklubhaus „Otto Wolf“ vor.

Doch, wenn wir schon bei diesen Stichworten angelangt sind, wird es Zeit, auf den wohl bekanntesten und prägendsten Musiker der Domstadt zu sprechen zu kommen. Denn mit dem Auflegen der Neill-Young-Hits „Helpless“ im „Hohen C“ begann die musikalische Karriere von Karsten Knabe. Auch er wurde durch die Sonntagmittagskonzerte im Ratskeller (15 bis 20 Uhr!) geprägt. Auch er stand auf dem Markt oder im Haus des Volkes an der Bühne, wenn die ganz Großen des DDR-Rocks nach Naumburg kamen. Und sie kamen alle und oft. „Als 14-jähriger durfte ich für Veronika Fischer und ihre Band Bier und Hähnchen besorgen. Da war ich völlig hin und weg“, erinnert sich Knabe heute. Doch sein Platz änderte sich alsbald von neben der Bühne zu auf die Bühne. 1975 hatte sich in Nebra die Band „Passion“ gegründet, und schon bald wurde Karsten Knabe ihr Sänger, „und wir wurden eine Naumburger Band“. In dem Werk „Als ich fortging – das große DDR-Rock-Buch“ steht über die ungewöhnliche Musik von „Passion“: „Vorklassische Klänge wurden mit urtypischer Rockmusik verwoben, wobei Vibrafon, Violine und Blockflöten zum Einsatz kamen. Mitglieder waren unter anderem Delle Kriese (später Cäsars Rockband), Karsten Knabe (später Caravan) und Ulrich Schroedter (später Dialog).“ „Passion“ hatte als Förderband des FDJ-Zentralrats zwei Platten bei Amiga veröffentlicht, etliche Fernsehauftritte sowie Konzerte in der ganzen DDR. Doch auch das bewahrte Knabe nicht vor der Armeezeit. Und diese – immerhin 18-monatige Pflicht – sorgte in vielen Bands für Veränderungen. 1981 stieg Knabe bei „Passion“ aus. Die Gruppe gab es noch vier Jahre. Und quasi unbemerkt hat uns die Zeitmaschine in die 80er gespült.

Die Band “Passion” (Foto: Gerd Knöchel)

Die 80er Jahre

Hier gründete sich 1985 eine Gruppe, die den jüngeren Semestern wohl ausschließlich als Cover-Band bekannt ist. „Doch zunächst haben wir vor allem eigene Sachen, richtigen Deutsch-Rock gespielt“, weiß Volker Schubert, der noch heute Bandchef bei „Diskant“ ist. Mit dem Song „Der Trinker“ schaffte es „Diskant“ sogar ins Radio. Und Schlagzeuger Jürgen Lietz, der zuvor unter anderem bei „Quick“ getrommelt hatte, erinnert sich an diese Episode: „Bei einem Konzert in Magdeburg wurde unser Sänger Thomas Riemann auf der Bühne von einer Wespe gestochen, reagierte allergisch und musste ins Krankenhaus.“ Klar, dass Riemann von der DDR-Tierwelt die Nase voll hatte. So voll, dass er tags darauf in den Westen flüchtete.

Doch auch ohne ihn wurde „Diskant“ zur festen Größe. Bis zu 130 Konzerte jährlich spielte man nach der Wende. Oft bei den Sommer-Festivals der großen Radiosender. „Zum Teil vor 15.000 Leuten und unter anderen auch mit den „Skorpions“, erzählt Volker Schubert, der als einziges Naumburger Bandmitglied übriggeblieben ist.

Die 80er waren auch die Zeit, in der ein Naumburger Original namens Jürgen „Ted“ Thieme nicht nur seine Band „Easy Rider“ wieder gründete (es gab sie bereits von 57 bis 65). Nein, für Thieme ging auch ein Traum in Erfüllung. Erfolglos hatte er sich stets um die Einordnung „Country“ in seinem Spielausweis bemüht. „Da traf ich auf irgendeinem Konzert einen Messerwerfer, der als Genre ‚Indianistik‘ führen durfte. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen“, so Thieme, der Geschichten wie kein zweiter erzählen kann. „Ich bin also zur SED-Kreisleitung, erzählte denen von meiner Musik für die ausgebeuteten Ureinwohner Amerikas, und schon konnten sie nicht anderes.“ Sein Lohn lautete im Original: „Volkskunstkollektiv Gebiet Country“.

 

Ted Thieme auf dem Weg nach Naumburg, USA

Thiemes größter Erfolg (wenn man von einer selbst eingesungenen Schallplatte im Elvis Studio in Memphis mal absieht, wo er so lange die Security nervte, bis er reindurfte) war aber das Naumburger Country- und Trucker-Fest. „Ohne Sponsoren und mit ein paar alten Zäunen haben wir da ein Wahnsinnsding organisiert“, erinnert sich der 70-jährige, der am vergangenen Freitag in „Zackis Saloon“ in Flemmingen seinen runden Ehrentag gefeiert hat. Und recht hat er: Zur Premiere, 1990, kamen 15.000 (!) Menschen.

Karsten Knabe am Mischpult beim Pfingstfestival 1994 im Blütengrund

Die 90er Jahre

Die DDR-Zeit haben wir damit hinter uns gebracht. Und die Zeitmaschine führt uns ins Jugendhaus „Otto“ in die Poststraße. Der Fixpunkt einer Zeit, als der bekannte Sänger Gerhard Gundermann die Naumburger Musikszene als „Klein-Liverpool“ bezeichnete. Bis zu fünf, sechs Bands gleichzeitig nutzten das „Otto“ als Proberaum und zum Einspielen ihrer Songs. Und mittendrin ein alter Bekannter, Karsten Knabe, verantwortlich für die Tontechnik. Knabe: „Zusammen mit Leiterin Ingrid Noak waren wir ein super Team.“ Hochwertige und beliebte Musik-Workshops wurden angeboten. Und es entstand die CD „Am Rand“ mit Songs von 17 Naumburger Gruppen. Sicher, nicht alles ein Schmaus für die Ohren. Und manche Band, die sich montags gegründet hatte, benannte sich mittwochs um, um sich am Freitag aufzulösen. Manches aber blieb: Die „Ostsibirischen Schnarchschnecken“ gibt es noch immer, auch die Dark-Wave- und Gothic-Rockgruppen „Other Day“ und „Dolor“, wobei letztere im Jahr 2005 sogar Vorband von „Unheilig“ wurden. Zudem lernte Karsten Knabe Ulf Oeckel an, der heute als Tontechniker mit „Rammstein“ oder „Pink“ durch die Welt tourt.

Ulf Oeckel (links) 1994 am Bass und mal nicht an den Reglern

Doch neben den düsteren Klängen, für die auch der damals allgegenwärtige Jürgen „Dio“ Lettau (Dark Shades) sorgte, wurde weiterhin gerockt. Bands wie „Die Kapelle“ oder „Suzie Q“ überzeugten mit eigenen Songs. Und publikumswirksam blieb die Covermusik. Besonders „Fairplay“ (später „Replay“) spielte sich in den Vordergrund. Legendär die Auftritte zum Kirschfest. Zudem feierte man in der Innenstadt mit Kneipenmeile, Innenstadtfest, City-Nightlife und Schwarzbiernacht einen Höhepunkt nach dem anderen. Doch regelmäßigen „Replay“-Gängern fiel schon damals eine junge Vorband auf, für die es sich lohnt, ein letztes Mal die Zeitmaschine anzuwerfen.

Pauli von Suzie Q zum 20. Geburtstag der Band 2013 im 11. Gebot

2000 bis heute

Naumburg, Vogelwiese, 2010. Ein Augustabend, wie er bescheidener kaum sein könnte. Es goss in Strömen. Und doch waren 4500 Menschen gekommen, um mit „Horizont“ deren zehnjähriges Bestehen zu feiern. Mit Feuerfontänen, riesiger Hebebühne, Glitzer-Regen und Videoleinwänden ein opulentes Spektakel der wohl derzeit beliebtesten Cover-Band der Region um Frontmann Carsten Schlegel. Ansonsten jedoch schlägt auch in Naumburg der demografische Wandel zu: Von einem „Klein-Liverpool“ spricht man . mit Ausnahme von fünf Nächten Ende Juni – schon lange nicht mehr. Das Publikum von früher tanzt bei unzähligen Weinfesten von heute zu den Hits von gestern.

Sicher gibt es heute noch Probekeller, in denen sich Jugendliche an Gitarre und Bass ausprobieren. Sie müssen keine Mikrofone mehr basteln und sich nicht bei FDJ-Vorsitzenden einschleimen. Dafür müssen sie in der ausgedünnt jungen Bevölkerungsschicht jeden Zuhörer erkämpfen. „Keep on rocking“ möchte man ihnen zurufen.

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