1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Geschichten

Naumburg, nicht Duisburg – 3. Kapitel Eine Stadt wie Keine – Winfrid Parkinson

Von

Ralph Steinmeyer

Winfrid Parkinson ist Großstadtkind. 1949 in Hamburg geboren, verbrachte er seine Jugend und ersten Journalistenjahre in Dortmund, um dann für mehr als 40 Jahre in München als Fernsehautor für den Bayrischen Rundfunk zu arbeiten. 2022, schon einige Zeit Rentner und sicher mehr als 30mal umgezogen, suchte er für einen Start in einen neuen Lebensabschnitt eine ganz andere Umgebung. Sein alter Freund Lollo, den er schon seit Schulzeiten kennt, machte ihm eine Liste mit Städten, die für dieses Altersprojekt in Frage kommen könnten. „Auf Platz 5 stand Duisburg, gleich hinter Weimar und Görlitz, aber an erster Stelle stand Naumburg“, erzählt Winfrid im Gespräch und fährt fort: „Und was mich sehr gewundert hat, dass ich mich mit so einer kleinen Stadt anfreunden konnte, das hätte ich vorher nie gedacht.“ Im September 2022 war er wochenlang zum Probe wohnen hier und fand gleich Leute, die ihm bei der Wohnungssuche halfen und dann ging alles schnell. Vor kurzem in Köln fiel ihm auf, wie überreguliert diese großen Städte sind. „Jeder Schritt, den Du gehst ist gesteuert, da stehen die Fahrräder, da parken die Autos, da sind die Poller, die Werbeaufsteller und die vielen Menschen auf den Straßen – der pure Stress. Das ist in Naumburg anders, wie angenehm und heilsam die Stille, wenn ich spät abends nach Hause komme, hier gibt es nicht das Grundrauschen nachts, mal von der Straßenbahn abgesehen, aber die fährt ja nicht ewig.“

Winfrid Parkinson an seinem Lieblingsort, dem Klingerbrunnen am Oberlandesgericht

Was macht für ihn Naumburg besonders: „So viele nette Leute, die Menschen, die man nicht missen will. Und auch ehemalige Naumburger, die im Alter wieder zurückkommen, weil sie hier alles vorfinden, was man braucht. Und dann die kurzen Wege, das Gesamt Ensemble des Marktplatzes, die kulturellen Einrichtungen drum herum, die Orgelkonzerte in der Wenzelskirche, die ständig wechselnden Ausstellungen. Und dazwischen immer wieder grün, das ist schon eine Lebensqualität.“. Es ist leicht und einfach zwischen der Stadt und dem Bahnhof zu pendeln, man benötigt kein Auto. „Mit dem Fahrrad ist alles erreichbar, auch wenn die Straßen, selbst der Saale Radweg verglichen mit westdeutschen Regionen immer noch in schlechteren Zustand sind,“ mahnt er kritisch an, „habe schon drei Stürze hinter mir, nicht sehr angenehm im Alter,“ ergänzt er mit einem leichten Lächeln. „Ein Sohn einer Freundin sagte mal, ist das hier mediterran… und in der Tat, ich muss nicht mehr so viel in Urlaub nach Italien oder sonst wo hin. Da ist nicht so ein Druck wie im Großstadtleben, wo man öfters Ortsveränderung braucht, man kann hier gut durchhalten, ohne etwas zu vermissen.“

Und es sind die Kulturorte, die Winfrid hier begeistern, wie z.B. das Nietzsche Archiv mit den wunderbaren Veranstaltungen auf hohem Niveau. Und der Dom ist natürlich ein wichtiger Mittelpunkt der Stadt, der in seinem Leben wichtig geworden ist. „Ich bin kein gläubiger Mensch“ so stellt er klar, „aber ich sehe darin doch eine Geschichte eines, sagen wir mal Bürgertums, das sich in der kirchlichen Tradition ausgedrückt hat. Es ist ein Gesamtkunstwerk, das nicht umsonst Welterbe ist und Menschen aus aller Welt anlockt. Den Tipp mit Naumburg übrigens, bekam ich ja von Freund Lollo, dessen Frau Marianne, die ich ja auch mittlerweile 60 Jahre kenne, hatte immer schon ein Faible für Uta, selbst zu DDR-Zeiten und deshalb waren beide immer wieder in Naumburg zu Gast.“

Im Gespräch mit dem Dortmunder Geigenbauer Volker Bley, der aus Naumburg stammt

Und die vielen anderen Freizeitvergnügen, die er so anfangs nicht erwartet hatte. „Da findet man eine Gruppe, die sich jeden Donnerstag zum Tango tanzen trifft. Die Kleinkunstbühne des Zille mit den wunderbaren Konzerten mittwochs, auch das Theater nicht zu vergessen, dass ich gleich in der ersten Woche hier kennen lernte. Ich erinnere mich noch an mein erstes Theatererlebnis, „Offene Zweierbeziehung“, geschrieben von Dario Fo und Franca Rame.“ Und die Kulturbuden Konzerte auf dem Markt waren ebenfalls eine Einstiegsmöglichkeit, wo man zwanglos mit einem Bier in der Hand bei guter Musik Leute kennen lernen konnte und auch nach wie vor noch kann. Natürlich auch die Naumburger Nächte und das Programm im Turbinenhaus besucht er gut und gerne. „Nicht zu vergessen Eure Naumburger Meister, diese lustigen Stadtrundgänge mit Goethe, Napoleon und wem auch wieder, sind mir in bester Erinnerung geblieben und waren gerade in der Anfangszeit Heimat bildend für mich.“ Naumburg als Glanz der Vielfalt, so bringt er abschließend seine Einschätzung der neuern Wahlheimat auf ein Motto, eine Marke.

Zusammen mit dem Autor des Artikels am Rande einer Ausstellung

Und mittlerweile hat er sich selber mit Kunst und Kultur kreativ in das Leben der Naumburger Community eingebracht. Ob mit Formaten und Teilnahme in der Stadtbibliothek, Konzerten in der Marien-Magdalenen-Kirche oder bei den Vorbereitungen zur 1000 Jahrfeier mit dem Format 1000 Bilder. Er ist aus dem öffentlichen Leben nicht wegzudenken. Sieht man ihn eine halbe Woche nicht, ruft man ihn aus Sorge sofort an, um dann zu erfahren, dass er gerade in einer anderen Stadt verweilt. Aber nicht in Duisburg…

Teilen:

zurück

Weitere Beiträge Aus
1000 Geschichten“:

Der Schrank der Bibliotheca Lepsiana und der 250. Geburtstag
Der letzte Droschkenkutscher von Naumburg oder Zeiten ändern sich
Nach 9-jähriger Unterbrechung wurde vor 100 Jahren wieder das Kirschfest gefeiert
Ohne Werbung geht es nicht
Roland, Wenzel oder was?
Über Fahrräder und ihre Radwege in Naumburg
„Billigste Preise, vorzügliche Küche“
alle