1000 mal Naumburg an der Saale

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Nach 9-jähriger Unterbrechung wurde vor 100 Jahren wieder das Kirschfest gefeiert

Von

Gerd Henschel

Als man 1914 das Kirschfest vorbereitete, war man sich nicht einig darüber, wann es stattfinden solle. Die Direktoren der Schulen hatten nämlich eine Eingabe an den Magistrat gerichtet, das Kirschfest vom üblichen Termin im August auf Anfang Juli, in die Woche vor dem Ferienbeginn zu verlegen. Wie man so häufig nachlesen kann, wurde auch hierzu in der Stadtverordnetenversammlung heftig diskutiert, aber die Befürworter der Verschiebung setzten sich letztendlich durch. Und so feierte man das Kirschfest vom 30. Juni bis zum 4. Juli „wie eh und je“. Auch am letzten Tag, so berichtete das Tageblatt, „labte man sich an Erfrischungen und belustigte sich in harmlosen Spiel, fröhliches Stimmengewirr und Musikklänge drangen aus den Zelten und fanden auf dem Platze lauten Widerhall. Erst spät, ziemlich spät, schwieg sich Freude und Leben aus.“ In jener Nacht ahnte man noch nicht, dass dieses Kirschfest das Letzte für die nächsten neun Jahre gewesen war.
Nur vier Wochen später begann nämlich der erste Weltkrieg. In den Jahren danach war an eine Kirschfestfeier nicht zu denken, die wirtschaftliche Lage war schwierig und die Not im Lande groß. Versuche, 1921 das Kirschfest wieder zu feiern, schlugen fehl und dann kam die Inflation. Die Menschen hatten andere Sorgen.

3.000 Mark vom Magistrat

Im Jahr 1924 nahm man einen neuen Anlauf, das Kirschfest wieder aufleben zu lassen. Anfang Mai wurde in der Stadtverordnetenversammlung eine entsprechende Vorlage des Magistrats diskutiert. „Von der Bürgerschaft wird das in diesem Jahr allgemein verlangt“ wurde argumentiert. „Da durch die Veranstaltung des Festes außerdem ein für das Geschäftsleben bedeutender Umsatz durch zahlreiche Gäste und erheblicher Fremdenverkehr zu erwarten ist, verdienen die Bestrebungen, das Fest in diesem Jahre wieder zu feiern, gefördert zu werden.“ Die Kosten wurden auf 3.630 Mark geschätzt, der Magistrat hatte beschlossen, 3.000 Mark zur Verfügung zu stellen. Nach langer Diskussion, ob man überhaupt das Fest feiern solle, fand sich in der Versammlung am Ende eine Mehrheit, die das Fest und den vorgeschlagenen Betrag bewilligte.
Und so nahm vom 7. bis 11. Juli 1924 das Fest wieder seinen „althergebrachten“ Verlauf. Allerdings „hatte die Schuljugend noch kein Kirschfest erlebt und fieberte vor Ungeduld, nur die älteren Leute erinnerten sich der früheren Zeiten“, war in einem Zeitungsbericht zu lesen.

Birn und Spilling für die Kinder

Wie war das nun früher? Über den vermutlichen Ursprung des Kirschfestes ist schon viel geschrieben worden, deshalb soll dieses Thema hier nur kurz gestreift werden. Lange Jahre glaubte man der Geschichte von Johann Georg Rauhe (1739-1791), wonach die Hussiten 1432 Naumburg belagert hätten und die Kinder, die der Lehrer ins feindliche Heerlager führte, das Herz des Prokops so rührten, dass er ihnen Kirschen schenkte und die Belagerung abbrach. Karl Peter Lepsius entlarvte 1811 diese Erzählung als Lügengeschichte. 1432 gab es keine Belagerung der Stadt durch Hussiten, vielleicht aber im sächsischen Bruderkrieg, 1446 bis 1451, als Herzog Wilhelms böhmische Hilfstruppen, Hussiten genannt, Naumburg bedrohten. Anlässlich des Friedensschlusses im Jahr 1451, der hier in Naumburg ausgehandelt wurde, wird in einer Urkunde berichtet, dass Herzog Wilhelm ein Legat von 100 Schock Groschen zur Begründung eines Festes spendete und vom Rat mit Kirschen und Heringen bewirtet wurde.

So richtig ist von einem Kirschfest aber erst in Sixtus Brauns Naumburger Annalen unter der Jahreszahl 1526 die Rede: „Das Kirschfest mit den Schulknaben hat sich angefangen, also dass die Knaben in einem Garten Kirschen gegessen und darauf am Tage Mariä Magdalenä [22. Juli] eine Collation [Mahlzeit] gehalten worden, deren Kosten der Rat getragen. Hernachmals ist die Collation am Buchholze gehalten.“

Zitat: Den Großen wurden Hütten in das Buchholz gebaut, darinnen sie ihre Ergötzlichkeiten hatten.Erste konkretere Nachrichten über dieses Kinderfest stammen wohl aus der Feder des Ratsschulrektors Borck, der über die Feier kurz nach dem 30-jährigen Krieg schrieb: „Vor Zeiten gingen sie bis an das Buchholz, da denn oben auf dem Berge eine grüne Laubenhütte und darin ein in Rasen gehauener Tisch, so man heutigen Tages noch sehen kann, gemacht und den kleinen Knaben das Obst, als Kirschen, Schoten, Birn und Spilling [Pflaumenart] auch wohl in Mangelung des Obstes, Rosinen, Mandeln und dergleichen ausgeteilet, jetzo aber werden meistens 3 Körbe Kirschen, 3 Körbe Birn und 3 Körbe Schoten den Kleinen ausgeteilet, nachdem das Obst teuer oder wohlfeil ist. Den Großen, als Primanern und Sekundanern, wurden Hütten in das Buchholz gebauet, darinnen sie ihre Ergötzlichkeit hatten. Anno 1659 aber, den 21. Juli, war das letzte Kirschfest an dem Buchholze und wurde 1660 weil es für die Kleinen etwas weit und weil bisweilen Regenwetter einfiel, dadurch die Kleider verderbet wurden, auf die Vogelstange [Vogelwiese] in das Schießhaus verleget.“
An welchen Tagen das Kirschfest in den ältesten Zeiten gefeiert worden ist, ob man dabei überhaupt immer streng einen bestimmten Termin eingehalten hat, lässt sich nicht sagen. Jedenfalls sind die Augusttage von jeher bevorzugt worden. Ab 1889 wurde das Fest auf den ersten Montag des August, als ersten Tag nach Ende der Sommerferien gelegt, „weil es während der Ferien Schwierigkeiten mit der Beteiligung der Lehrer gab“. An diesem Montag und am Dienstag fand das Knabenkirschfest statt und am Donnerstag und Freitag das Mädchenkirschfest.
Der Tod hochgestellter Persönlichkeiten und schlechtes Wetter hatten einige Male eine Verschiebung des Festes zur Folge. In Berichten wird besonders die „Kirschfest-Sintflut vom 4. August 1837“ hervorgehoben, als der Regen die ganze Wiese überschwemmte, in die Zelte eindrang und die Gäste sich auf Stühle und Tische retten mussten. Nur drei Tage vorher hatte der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm (später als König der IV.) mit seiner Gemahlin das Kirschfest besucht.

Kirschfest 1924 Postkarte 1

Ursprünglich, so schreibt Friedrich Hoppe, von dem hier alle weiteren zitierten Mitteilungen stammen, „war das Fest nur für die innerstädtische [Knaben-] Schule bestimmt. Es ist zu vermuten, dass nach Einrichtung einer Mädchenschule auch die Mädchen sich an dem Feste beteiligten oder vielmehr ebenfalls ein Kirschfest feierten. Doch findet sich nur selten eine ausdrückliche Erwähnung eines solchen Festes; dieses mag — und das erklärt vielleicht das Schweigen der meisten Berichte darüber — von geringer Bedeutung gewesen sein, weil die Mädchenschule überhaupt nur wenig Kinder zählte. Die Vereinigung beider Feste, von den Bürgern vielfach gewünscht, scheiterte noch 1804 an dem Widerspruch der Lehrer. Zu den Kindern der beiden innerstädtischen Schulen kamen 1801 die Zöglinge der Waisenanstalt (später Armenschule) hinzu, seit 1816 auch die vorstädtischen und freiheitischen Kinder. Seit 1924 sind sämtliche Schulen der Stadt, einschließlich der höheren, am Festzuge beteiligt.“

Vom Rund- zum Budenzelt

„Die Lebensmittelspende, die ursprünglich am Festorte vor sich ging, wurde später in die Schule verlegt, wo die Kinder am Vormittag ein Maß Kirschen und ein Gebäckstück, Zöpfchen genannt, empfingen. Seit 1880 gab es statt der Kirschen zwei Zöpfchen, in neuerer Zeit nur eins; dafür wird aber den Kindern auf der Festwiese seit 1887 in einem besonderen Zelte Limonade verabreicht. Die Mittel dazu werden teils durch Sammlungen, teils durch besondere Veranstaltungen zusammengebracht.“

„Als 1660 das Fest auf die Vogelwiese kam, bot die bescheidene Schießhütte den Kleinen Obdach, während ‚vor die großen unter den damals die Wiese umfassenden Weiden Tische und Hütten, ihre Lust zu haben, gemacht wurden.‘ Die Zelte, Lauben und Tische, von denen aus in späterer Zeit die Erwachsenen den Spielen der Kinder zusahen, standen erst regellos über die Wiese verteilt. Meist waren es oben spitz zulaufende Rundzelte, die durch Windleinen straff gezogen waren. Weil sie aber den Platz sehr beengten, wurden sie 1842 abgeschafft, und die Budenzelte kamen auf. 1823 zählte man 55, 1826 gar 80 Zelte, ja in manchen Jahren stieg ihre Zahl auf über 100. Außer den Konditoreizelten von Furcht und Herfurth waren vordem auf der Wiese Restaurationszelte nicht erlaubt; dagegen entwickelte sich hinter der westlichen Zeltreihe nach und nach ein Naschmarkt.

Zitat: 1823 zählte man 55, 1826 gar 80 Zelte. In manchen Jahren stieg die Zahl auf über 100 Ende des 18. Jahrhunderts schien das Fest „einzuschlafen“. „Außer den Lehrern und Predigern, sowie einigen Vätern nahm niemand mehr am Fest teil.“ Dem 1801 angestellten Oberpfarrer M. Friedrich Gottlob Friedland ist es wohl zu verdanken, dass das Fest nach 1801 einen neuen Aufschwung nahm. Der vermögende Mann organisierte und finanzierte das Fest 1801 und hat so „die Bahn für ein fröhliches Volksfest gebrochen“, meint Friedrich Hoppe. Heute glaubt man allerdings, dass die o. g. Lügengeschichte über die Entstehung des Kirschfestes von Johann Georg Rauhe, die 1782 erschien, in ihrer Wirkung für die Umwandlung des Kinder- in ein Volksfest nicht unterschätzt werden darf.

Kirschfest 1924 Postkarte 2

Über die Feste in den Folgejahren ist viel überliefert. Besonders zu erwähnen ist das Fest des Jahres 1832, als der Referendar und spätere Regierungs- und Schulrat Karl Seyferth den Bänkelsang „Die Hussiten zogen vor Naumburg“ verfasste und mit Karikaturen versehen, am Referendariatszelt aushängte. „Anfangs verstanden die Bürger den Scherz der Dichtung nicht; sie fassten sie als eine Verhöhnung alten Väterbrauchs auf, und es erhob sich ein kleiner Aufruhr wider die losen Spötter.“
Die politischen Sorgen der nächsten Jahrzehnte übten auch auf das Kirschfest einen schädigenden Einfluss aus, und es fehlte nicht viel, so wäre das schöne Heimatfest für immer verschwunden gewesen. 1885 gab es einen neuen Vorstoß zur Wiederbelebung. Man gründete ein „Komitee zur Hebung des Kirschfestes“, das aber noch im selben Jahr seine Arbeit wieder einstellte. 1887 entstand dann ein „Bürgerkomitee“. Dieses betrachtete allerdings bis etwa 1900 seine Aufgabe nur darin, den Kindern ein Erfrischungsgetränk zu reichen, da es ihm an finanziellen Mitteln fehlte und der Magistrat die Ausgestaltung des Festes fest in der Hand behielt. Nachdem sich „am 18. Juni 1906 das ‚Komitee‘ Satzungen gegeben“ und seinen Namen in „Kirschfestausschuss“ umgewandelt hatte, dehnte es seine Bestrebungen auf eine bessere Ausgestaltung des Festes aus.

Schiesszelte auf der ganzen Wiese

Im letzten Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg nahm die Kirschfestfeier folgenden Verlauf: Auf der Vogelwiese entstand eine Woche vor der Feier eine Zeltstadt. Die Trommler- und Pfeiferkorps der Schulen zogen am Kirschfestmontag frühzeitig durch die Stadt und ließen einen Weckruf erschallen. Nach dem Wecken holten sich die Kinder das Kirschfestgebäck, ihr „Zöpfchen“ ab. Am Mittag wurde zum großen Kirschfestumzug angetreten. Man marschierte zur Wenzelskirche, die durch das südliche Portal betreten wurde. Nach dem Gottesdienst nahm der Zug seinen Weg um den Markt durch die Jakobsstraße zur Vogelwiese. Dort begaben sich die Knaben nach dem Gesang des Kirschfestliedes klassenweise zu ihren Schießzelten. Die älteren Schüler schossen mit Armbrust und Bolzen nach dem Adler, die kleineren mit dem Stechvogel nach dem Stern. Zwischen den Schießzelten, welche sich breit über die Wiese hinzogen, erhob sich das runde erhöhte Musikzelt zur Aufnahme der Kirschfestmusiker, die während des Festes die Platzmusik ausführten. Die Musik zog später von Zelt zu Zelt und brachte Ständchen. In den Zelten selbst waren allerhand Veranstaltungen zur Belustigung der Gäste und der wandelnden Menge getroffen. Es gab vorzüglichen Kirschfestkuchen und ein bescheidenes Mahl mit Naumburger Wein. Nach altem Kirschfestbrauch bahnten sich draußen auf der Wiese die „Kirschfestschlangen“ ihren Weg durch das dichteste Gewühl. Am Vormittag des zweiten Kirschfesttages zogen die Schulen zum Bürgergarten, um Spiele zu veranstalten. Punkt 12 Uhr erfolgte der gemeinsame Rückzug zur Stadt. Der Nachmittag wurde mit Turnübungen ausgefüllt. Nach einem abendlichen Umzug und Zapfenstreich auf der Wiese endete dann die Schulfeier. Das Mädchenkirschfest am Donnerstag und Freitag verlief nach derselben Festfolge. Eine besondere Anziehung übte am letzten Kirschfesttag spät abends immer der Lampionumzug der Juristen aus. Gemeinsam mit ihren Gästen „zogen sie in fröhlichster Stimmung rund um den Zeltplatz“ und entzündeten dann vor ihrem Zelte ein Freudenfeuer.

Kirschfest 1924-Festschrift

Kurz vor dem Fest 1924 erschien das abgebildete Kirschfestbuch. Die darin enthaltenen Geschäftsanzeigen ermöglichten es, die gesamte Auflage von 4 000 Exemplaren kostenlos an die Naumburger Schulkinder und ihre Freunde zu verteilen.

 

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