1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Geschichten

Die letzten Naumburger Originale

Von

Ralph Steinmeyer (aus dem Band: Naumburg Tales)

Als Großstadtkind hatte ich wenig Kontakt zu älteren Menschen, von meiner Großmutter und anderen Verwandten abgesehen. Aber dass ich mit alten Menschen sogar freundschaftlich verkehren würde, das hätte ich vor Naumburg nie gedacht, noch gesucht. Aber mit dem Fahrradladen im Rosengarten hatte ich einen Begegnungsraum geschaffen, der in der ersten Zeit nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von älteren Bürgern angenommen wurde. Ich möchte mich hier nochmals an jene Menschen der Anfang 90er erinnern, die teilweise auf sehr originelle Weise, aber auch durch ihre besondere Geschichte in mein Leben kamen.

Gertold Schmidt und der Autor 1991
Gertold Schmidt und der Autor 1991

Bei der Eröffnung des Geschäfts im April 1991 waren unter den ersten Gästen nicht nur der damalige Oberbürgermeister Curt Becker und seine Gattin, sondern Gertold Schmidt, der einen Fahrradladen in der Wenzelsstraße hatte. Der Laden war zwar geschlossen, er mittlerweile Rentner geworden, aber das Geschäft konnte noch bis zu seinem Tod Ende der 90er Jahre einem Museum gleich besucht werden. Als Fahrradmechaniker hatte er auch Nähmaschinen repariert, und davon stellte er in seinen Räumen dutzende Modelle aus. Die Wände zierten Poster und Plakate aus den vergangenen Jahrzehnten. Er erzählte oft von den Hausbesuchen, die er machte, um alten Frauen ihre Nähmaschinen wieder in Instand zu setzen, und dass er so seine Probleme damit hatte mit den Privatheiten seiner Kundinnen in Kontakt zu kommen. Mit seiner Frau, die ich noch vor wenigen Jahren öfters im Stadtbild gesehen habe, war er begeisterter Ruderer und Naturfreund. Er kam alle paar Tage uns im Fahrradladen besuchen und erzählte bei seinen Besuchen oft von den Ruderurlauben und Wanderungen durch die Natur. Durch ihn wurde ich auch das erste Mal auf die Toten Täler in der Nähe von Naumburg aufmerksam, wo jedes Jahr im Mai viele Einheimische zu seltenen Orchideen wandern. Heute sind es eher die freilaufenden Wildpferde, die in einem großen Areal, das sich neben dem Orchideenpfad auf einem ehemaligen russischen Truppenübungsplatz ausdehnt, zu Besuchen einladen.

Das kleine Fahrrad- & Nähmaschinengeschäft von Fahrradmeister Schmidt

Er war ein sanfter und kulturell interessierter Mensch, der nun mit Anfang 70 sein Leben reflektierte. Er hatte sich immer mit den Verhältnissen als Selbstständiger arrangiert, schilderte mir oft, wie man mit dem Wenigen, das einem geliefert wurde, seine Kundschaft zufrieden stellen musste und jede Reparaturleistung ihren vorgeschriebenen Preis hatte. Er hätte gerne unter anderen politischen Verhältnissen gelebt und seine Ruderleidenschaft war vielleicht der Ausgleich, den er brauchte, um die DDR-Zeit passiv durch zu stehen. Er war kein Kämpfer gewesen, aber durch seine Geschichten konnte ich nachvollziehen, wie ernüchternd und reglementiert der Alltag gewesen ist. Gertold schrieb Kurzgeschichten, manchmal auch kleine märchenhafte Erzählungen, die er seinen Enkeln vorlas. Ich überredete ihn, doch in unserem Kulturmagazin „Der Naumburger“ Geschichten zu veröffentlichen. Er war fast zu schüchtern, und ich musste ihn förmlich überreden. Aber als ihn Passanten auf der Straße auf seine Geschichten ansprachen, kam er immer öfters zu den Redaktionssitzungen und wurde festes Mitglied in der Redaktion. 

Ich glaube, dass er sehr dankbar war über die Jahre nach der Wende, völlig anders als seine Mitmenschen, die sich mit Konsumgütern umgaben, so was interessierte ihn nicht. Aber diese jungen Leute im Rosengarten, die recht frei bestimmt mit dem Thema Fahrrad umgehen konnten, das faszinierte ihn. Genauso wie die beruflichen Möglichkeiten seiner Kinder, die fern von Naumburg ihre Familien gegründet hatten. Aber nicht so weit weg, als dass er und seine Frau diese nicht besuchen konnte. Wenn ich die Augen schließe kann ich mir seine weiche warme Stimme in Erinnerung rufen und sehe das fast kindhafte Leuchten in seinen Augen vor mir, dass er bei seinen Erzählungen hatte. Auch wenn er oftmals vergessen hatte, dass er die ein oder andere Geschichte schon erzählt hatte, seine Besuche waren immer eine schöne Abwechslung in meinem Alltag. Dann wurde er schwer krank, ich besuchte ihn einmal im Krankenhaus in Jena, aber da war er schon ein Anderer.

Fast täglich kam ein alter Mann in seinem Rollstuhl vorbeigefahren, der hieß Hans. Sein Rollstuhl sah aus wie ein fahrender Sarg. Die Beine in der waagerechten Lage verschwanden in einem Holzkasten, im Winter waren noch ein paar Decken dabei, ein Oldtimer unter den Rollstühlen. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Frank, der im ersten Jahr im Fahrradgeschäft arbeitete, kannte Hans näher und reparierte, wenn nötig das rustikale Gefährt. Hans war sicherlich mal ein imposanter großer staatlicher Mann gewesen, dessen Geschichte ich leider vergessen habe. Aber er gehörte zu den Menschen die jeden Tag bei uns Hallo sagten wie auch der Nachbar Roland, der Zähne hatte wie ein Wildschwein und einen riesigen Wanst. Im Sommer lief er auch mal oben ohne durch die Gassen. Wenn er sich dann an den Tresen schob und die Kunden bei Seite springen mussten, dann war das für mich schon grenzwertig. Aber Roland passte immer auf, hatte was von einem Polizeihund. Aber trotz dieser Eigenschaft hatte er anscheinend zu DDR-Zeiten wenig Einfluss gehabt. Aber im Vergleich zu Hans und vor allem zu Gertold war er schon ein lauter und grobmotorischer Mensch, aber immer zugegen, wenn man ihn brauchte. Obwohl man bei der gemütlichen Art der Naumburger manchmal nicht weiß, ob sie nicht schon da sind, bevor sie gebraucht werden, sprich, sich mit ihrer Hilfsbereitschaft in das Leben der Anderen schieben. Was man bei Roland mit seinem dicken Bauch sehr bildhaft nehmen konnte. Diese etwas aufzwingende Hilfsbereitschaft hatte seine Tradition aus DDR-Zeiten und der Zeit des Mangels. Das Wort Subotnik habe ich auch gleich in den ersten Wochen in Naumburg gelernt, man hilft sich unentgeltlich gegenseitig und den Anfang damit zu machen, war eine Tugend.

Auf dem Marktplatz stand ständig ein untersetzter vielleicht 50jähriger ungepflegter Mann, der Wolfgang Stein genannt wurde. Ich fand ihn unsympathisch und mochte es gar nicht, von ihm auf eine Zigarette oder Kleingeld angesprochen zu werden. Aber man erzählte mir, dass er ein studierter Mann sei, der irgendwann mal völlig abgehoben wäre. Zu DDR-Zeiten hat er einige witzige wie mutige Aktionen gemacht, und niemand wusste, ob die nun Taten eines Verrückten oder eines Ausgebufften gewesen sind. Das muss die Stasi schon sehr beschäftigt haben. Einmal hatte er die Polizei angerufen, dass am nächsten Tag die Schweins-Brücke gesprengt werden solle, gegenüber von der heutigen Albert-Schweitzer-Schule gelegen. Am nächsten Tag wimmelte es nur so von getarnten und bewaffneten Volkspolizisten, die jede verdächtige Bewegung notierten. Da kam er nun zur Mittagszeit, um mit einer Gießkanne in der Hand die Brücke mit Wasser zu sprengen. Selbst die Ordnungskräfte mussten teilweise lachen, wie mir ein Naumburger berichtete. Ein anderes Mal am 1. Mai ist er in Gegenwart aller politischen Würdenträger des Kreises auf das Rednerpult vor dem Rathaus gestiegen, um eine völlig absurde Rede zu halten. Da man ihn nicht einfach vom Mikro wegreißen wollte, ersann jemand aus der Stadtverwaltung oder von der Partei eine List. Man flüsterte ihm während seiner Rede zu, dass jemand aus dem Zentralkomitee in Berlin am Telefon wäre und ihn sprechen wolle. Höflich verabschiedete er sich von den Menschen auf dem Platz und sagte: „Ich muss jetzt leider zum Ende kommen, der Staatsratsvorsitzende ist am Telefon und will mich sprechen!“

Friseurmeister Dietmar Görbig 1994

Eine andere Geschichte erzählte mir mein Freund und Friseur Dietmar. Eines Tages wäre Stein in den Friseurladen seines Vaters gekommen, hätte den Wartenden einen Ausweis vorgehalten und diese aufgefordert: „Staatssicherheit, die Pässe bitte!“ Da gab es aber erschreckte Gesichter. Wirklich unglaublich, dass er weder ins Gefängnis noch in die Heilanstalt kam. Was Stasi und Ordnungskräfte zu vor der Wende nicht schafften, gelang Mitte der 90er Jahre, als dieser aufgrund zunehmender Beschwerden von Leuten, die sich von ihm beim Betteln belästigt fühlten, in ein Heim, weit ab von Naumburg, gesteckt wurde. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

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