Die Geschichte der Passomobil Kinderfahrzeug G.m.b.H. und ihrer DKW-Tretautos – ein fast vergessenes Kapitel Naumburger Industriegeschichte.
In den Jahren 1929 und 1930 entstand in Naumburg ein heute fast vergessenes Kapitel deutscher Fahrzeuggeschichte: Die Passomobil Kinderfahrzeug G.m.b.H. fertigte Tretautos nach dem Vorbild des DKW P 15 – kleine Automobile für Kinder, die damals große Träume weckten.
Was heute das Bobby-Car ist, war Ende der 1920er-Jahre ein DKW-Tretauto: ein eigenes Fahrzeug für Kinder, mit Lenkrad, Hupe, Richtungsanzeigern und dem Versprechen, ein Stück automobile Freiheit selbst zu erleben. Hinter dieser Idee stand die Zschopauer Motorenwerke J. S. Rasmussen AG, deren DKW P 15 seit 1928 auf dem Markt war. Für die jüngsten automobilbegeisterten Kunden sollte eine kindgerechte Variante entstehen.
Mit der Fertigung wurde die Passowmobil Kinderfahrzeug GmbH in Naumburg an der Saale beauftragt. Die Produktion begann Anfang 1929. Die Kinderautos waren dem DKW P 15 nachempfunden und wurden in vier Ausführungen angeboten: als kleiner Einsitzer für Kinder bis etwa fünf Jahre, als größerer Einsitzer für Kinder bis etwa zwölf Jahre sowie als Doppelsitzer mit hintereinander angeordneten Sitzen. Die Modelle trugen Namen, die nach Geschwindigkeit und Abenteuer klangen: Blitz, Pfeil, Sausebraus und Teufelchen.

Ein Spielzeug mit echter Fahrzeugtechnik
Die kleinen DKW-Autos waren mehr als einfache Spielzeuge. Ihre Karosserien bestanden aus stabiler Blechkonstruktion und waren mit wetterfestem Hochglanzlack versehen. Zur Auswahl standen Farben wie Rot, Grün, Blau, Violett, Beige und Aprikos. Die Sitze waren verstellbar und herausnehmbar, die Scheibenräder mit Vollgummi bereift. Angetrieben wurden die Fahrzeuge durch Pedale, ähnlich wie beim Fahrrad. Zur serienmäßigen Ausstattung gehörten Hupe und beidseitige Fahrtrichtungsanzeiger.
Gegen Aufpreis konnten die Kinderautos weiter aufgewertet werden: etwa mit Windschutzscheibe, Bremse, Reserverad, Schutzblechen mit Trittbrettern oder Stoßfänger. In der Werbung wurde diese Ausstattung nicht nur als Spielwert, sondern als Annäherung an die Welt der Erwachsenen inszeniert. Kinder sollten nicht gefahren werden – sie sollten selbst am Lenkrad sitzen.
Kurt Passow: Konstrukteur, Unternehmer, Tüftler
Gegründet wurde Passomobil am 7. Mai 1927 von Kurt Adolf Ulrich Passow. Passow wurde am 16. April 1896 in Berlin-Charlottenburg geboren und war Ingenieur, Motorradkonstrukteur, Designer, Erfinder und Unternehmer. Sein Vater Karl Adolf Passow war Mediziner, Otologe, Leiter der Ohrenklinik der Charité und Hochschullehrer. Eine familiäre Verbindung nach Naumburg bestand ebenfalls: Sein Großvater Arnold Thomas Gottfried Passow war Assistent an der Landesschule Schulpforta.
Bevor Passow nach Naumburg kam, hatte er bereits Erfahrungen im Fahrzeugbau gesammelt. Anfang der 1920er-Jahre arbeitete er in Berlin für die Vis Gesellschaft für Kleinfahrzeuge GmbH, die Motorräder der Marke Wegro herstellte. Sein Sesselmotorrad PAWA kam 1922 auf den Markt. Später entwickelte er die Idee zur Marke PER weiter, gründete Unternehmen in Braunschweig und meldete Patente an, unter anderem für ein Automatikgetriebe und auswechselbare Räder. Wirtschaftlich blieben diese Projekte jedoch ohne dauerhaften Erfolg.
Produktion in der ehemaligen Wagenhalle
In Naumburg fand Passow einen Standort mit Fahrzeugtradition. Die DKW-Kinderautos wurden in einer ehemaligen Wagenhalle der kaiserlichen Kaserne gebaut, im Bereich der heutigen Weißenfelser Straße. Dort waren zuvor bereits Fahrzeuge der Marke Peter & Moritz gefertigt worden. Nach dem Ende von Passomobil zog später die Firma Bley ein und produzierte Segelflugzeuge.
Das Angebot von Passomobil beschränkte sich nicht allein auf die DKW-Tretautos. Es gab ein umfangreiches Zubehörprogramm, darunter Schlitten, Anhänger und Roller. Die Preise der Grundmodelle lagen zeitgenössischen Angaben zufolge zwischen 35 und 54 Reichsmark. Mit Sonderausstattung konnte der Preis deutlich steigen.
Ein kurzer Erfolg mit langer Nachwirkung
Im Jahr 1929 wurden 2.062 DKW-Kinderautos verkauft. Die Tretautos waren so populär, dass mit ihnen sogar Kindertretautorennen veranstaltet wurden. Bei einer großen Osterveranstaltung im Nürnberger Stadion 1929 sollen DKW-Kinderautorennen vor tausenden Zuschauern stattgefunden haben. Die Idee war zugleich Spielzeug, Werbung und frühe Markenbindung: Kinder sollten die Welt von DKW bereits im Kleinen erfahren.
Der Erfolg blieb dennoch nur von kurzer Dauer. Bereits 1931/32 wurde die Firma Passomobil abgewickelt. Heute gehören die DKW-Kinderautos zu den seltenen Stücken der Fahrzeug- und Spielzeuggeschichte. Nur wenige Exemplare haben überlebt; sie befinden sich in Privatbesitz, bei Sammlern und in Museen, unter anderem im Industriemuseum Chemnitz.
Naumburger Industriegeschichte im Kleinen
Die Geschichte von Passomobil zeigt, wie eng regionale Industriegeschichte, technische Erfindungslust und die automobile Aufbruchsstimmung der 1920er-Jahre miteinander verbunden waren. In Naumburg entstanden keine großen Serienwagen, sondern Kinderfahrzeuge – doch sie trugen den Geist ihrer Zeit in sich: Fortschritt, Geschwindigkeit und die Faszination, selbst am Steuer zu sitzen.
Quellen: Entwurf „TJ DKWstory Entwurf.pdf“, Passomobil_V4.doc, zeitgenössische Angaben zu DKW-Kinderautos sowie öffentlich zugängliche Informationen zu Passomobil, DKW und Kurt Passow.

