Im Stadtmagazin „Der Naumburger“, der in den Nachwendejahren in einer Auflagenstärke von bis zu 10.000 Exemplaren erschien, gab es die Rubrik „Naumburger des Monats“, wo jeweils ein bekannter Domstädter vorgestellt wurde. Der erste Naumburger war der ehemalige Fährmann im Blütengrund und wie sich zwei Jahre später in der Redaktionssitzung herausstellte, war er auch der einzige gebürtige Einheimische geblieben. Alle anderen Monats-Naumburger waren Zugezogene.

Diese Geschichte erzähle ich gerne, in der letzten Zeit wieder häufiger, da viele Kulturinteressierte und auch -Engagierte in unser kleines Welterbe gezogen sind und spürbar beleben, als Kulturgänger einerseits, aber auch oft mit kreativen Ideen und eigenen Formaten. Und ebenso oftmals sind es gerade alteingesessene Naumburger, die in Gesprächen hervorheben, dass es nicht die Naumburger, sondern die Zugezogenen sind, die „etwas machen“ und zur Belebung beitragen. Zugegeben, viele haben in ihrem Vorleben in anderen Städten schon Kulturarbeit gemacht, aber wie toll ist das auf der anderen Seite, dass dieses Engagement von der Bürgerschaft nicht nur zugelassen, sondern gern gesehen wird. Das ist eine Qualität dieser Stadt, nicht auf die Teilnahme in den Vereinen zu beharren, sondern offenherzig die Neubürger in die eigenen Kreise zu lassen und das nicht nur zum Kirschfest.
Ich habe mal in der Eifel gelebt, da hätte ich 350 Jahre alt werden müssen, um als Einheimischer akzeptiert zu werden. Auch in Bad Kösen, so habe ich mir erzählen lassen, dauert es länger als ein Menschenleben. Und in Naumburg hat es bei mir nur 278 Tage gedauert, bis das Naumburger Tageblatt mich als einen von drei Naumburgern beschrieb, das war die Vorstellung des Plakats „Der Naumburger“ Ende November 1991 zusammen mit dem Künstler Andreas Neumann-Nochten und dem damaligen Ost-Berliner Carsten Görs. Also drei Zugezogene sogar, die in einem Schlag eingemeindet wurden.

Das ist der sympathische Zug an Naumburg und seinen Eingeborenen. Und das führt oftmals dazu, dass Menschen hier förmlich hängen bleiben und nicht wieder wegziehen. „Naumburg sehen und sterben“ ist vielleicht nicht der richtige Titel dafür. Aber nicht nur die gebürtigen Naumburger kommen von „Ihrer“ Stadt nicht mehr los, immer wieder treffe ich auf solche, die in anderen Städten leben, aber immer noch einen „kleinen Koffer“ hier haben. Und ich bin mir sicher, das ist kein Zeitgeist Erlebnis, das war vielleicht immer schon so in dieser Stadt. Wie viele Künstler, nicht nur Fritz Amann oder Fritz Ernst Rentsch im vergangenen Jahrhundert, sondern auch der seit 1968 in Naumburg lebende Künstler Klaus Sängerlaub, wie auch die Kulturschaffende Sieglinde Roloff (seit 1984 hier lebend) sind bekennende Lokalpatrioten.
Diesem Phänomen möchte ich in den kommenden Monaten, in dem ich in der Rubrik „1000 Geschichten“ jeweils einen dieser heimisch gewordenen Naumburger vorstelle, nachgehen und Erklärungen dafür finden. Ich selber kann zwei Erklärungen aus meiner persönlichen Zeit in dieser Stadt – immerhin lebe ich dieses Jahr exakt die Hälfte meines Lebens hier – dazu besteuern. Ich bin eigentlich ein Großstadtkind, in Dortmund aufgewachsen, wo die Bombenteppiche am Ende des 2. Weltkrieg in der Innenstadt nur eine halbe Reinoldikirche und drei Marktgebäude übrig ließen. Obwohl vertraut mit toskanischen Orten, ebenfalls so alt, hat mich die mittelalterliche Substanz Naumburgs in den Bann gezogen. Ein steinerner Torbogen mit der Jahreszahl 1594 blieb mir schon bei meinem ersten Besuch im Gedächtnis.

Ist es die alte Bau-Substanz, die mich an Naumburg so triggert, sind es andererseits die kurzen Wege in dieser Stadt, die ich so liebe. Bevor ich hierhin zog, lebte ich fast sieben Jahre in Berlin, da konnte man mit einem Druckauftrag für ein Plakat schon den halben Tag verbringen. In Naumburg reichte der Anruf „wir wären dann soweit für den Andruck“ und der Drucker erschrak, als ich zwei Minuten später neben ihm an der Druckmaschine stand, da ich mit dem Fahrrad vom Rosengarten über den Markt zum Topfmarkt geeilt war. Und auch heute liebe ich mein „erweitertes Wohnzimmer“ Marktplatz, wo ich immer Freunde und Bekannte in der Eisdiele zum Planen und Aushecken von neuen Ideen treffe. Soviel von mir…in dem zweiten Artikel werde ich Winfrid Parkinson vorstellen. Viele meiner Leser kennen ihn schon…