1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Orte

Das Gartenlokal beim Fährmann im Blütengrund (Lost Places 12)

Von

Ralph Steinmeyer

Manfred Schmidt, der ehemalige Fährmann hat die Naumburger Bürger polarisiert, in glühende Verehrer und radikale Ablehner. Zur ersteren Gruppe gehören die Naumburger, die nicht in Politik und städtischer Verantwortung handeln müssen, sondern das Gartenlokal des Schiffseigner in schönen Erinnerungen behalten haben.

Sein Gartenrestaurant war ein auf der Wiese liegendes Schiff mit Biergarten und Toiletten, die mit den Gegebenheiten in einem Naturschutzgebiet kollidierten. Und die andere Gruppe auf den Plan brachten. Den ehemaligen OB Bernward Küper und die Stadtverwaltung. Die wollten dieses ohne notwendige Baugenehmigungen in den 90er Jahren entstandene Provisorium gegen einen richtigen Steinbau ausgetauscht sehen. In einem Hochwassergebiet sicherlich auch keine gute Idee. Aber finanziell auch nicht machbar für Fährmann Schmidt, der die Gastronomie als Bindeglied zu seinen Schiffstouren auf der Unstrut brauchte. Quasi als Empfangsraum für die Gäste seiner Schiffe, bevor es auf das jeweilige Schiff zur Flusstour ging.

Das Gartenlokal in den Anfangsjahren

Die Auseinandersetzung wurde vor Gericht kompromisslos und ohne die Möglichkeit einer Lösung zugunsten der Stadtverwaltung entschieden. Auch der Gemeinderat hatte eine eindeutige Position: Unter den gegebenen Umständen war ein Fortbestehen nicht möglich. Die Gesetzeslage war klar und eindeutig. Die Art und Weise, wie der Fährmann auftrat, diskreditierte ihn bei Lokalpolitikern aller Couleur.

Manfred Schmidt Anfang der 90er Jahre

Manfred Schmidt hatte kurz nach der Wende den Fährmannsposten von seinem Großvater übernommen. Mit seinem ersten hundert Jahre alten Ausflugsdampfer, der MS Fröhliche Dörthe erfüllte er sich einen Wunsch. Er wurde Reeder und überhaupt, sein Gartenlokal und die Veranstaltungen wie das Pfingst-Festival mit Oldtime-Jazz-Bands werteten den Blütengrund touristisch auf.

Aber es blieb nicht bei einem historischen Ausflugsdampfer, es kamen zwei weitere – nicht unbedingt Hübschere – dazu. Das Unternehmen wuchs um eine Handvoll Mitarbeiter. Der Blütengrund wurde bei Touristen im Sommer ein Magnet, sogar Reisebusse bahnten sich den engen Weg an den Weinbergen entlang. Und für die meisten Naumburger war es ein beliebter Anlaufpunkt, weshalb auch heute noch viele sich sehnsüchtig an die Zeiten zurück erinnern. Heute liegt der Blütengrund brach, der Campingplatz bietet keine Alternative für den Nahtourismus, weder gastronomisch und ohne ehemaligen Freibad, was diese Sehnsucht vieler nach dem “früher war alles besser” noch verstärkt.

Der Anlegesteg 1994 zum Pfingstfestival, kurz nach dem Hochwasser

Manfred Schmidt wohnt weiterhin in der alten Fährmannskate und wacht darüber, dass niemand auf der anderen Saaleseite touristisch eine Alternative schafft. Zusammen mit seiner Nachbarin hat er schon vor Jahren in Halle gerichtlich dagegen geklagt, jegliche zukünftige Ruhestörung wurde geblockt und somit auch jede neuerliche touristisch notwendige Erschließung.

Naumburg: Blütengrund

So dümpelt der Blütengrund vor sich hin (im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man die drei Schiffe dort sieht). Auch Frank Lange von Saale-Unstrut-Tours, ebenfalls seit Jahrzehnten ein Garant für die touristische Attraktion des Blütengrundes (Fahrrad- & Kanuvermieter), hat von der Stadtverwaltung einen blauen Brief erhalten, er muss auch Gebäude, die ohne Bauantrag in den 90er Jahren entstanden sind, zurück bauen. So wird der Blütengrund langsam entkernt, man hofft wahrscheinlich auf zukünftige Investoren, die dann mit Zementmischern anrücken werden. Oder vielleicht wird es ja doch eine Landesgartenschau in den kommenden 30er Jahren geben, die den Blütengrund zum Zentrum haben wird. Pläne dafür gibt es seit 2011.

Abschließend möchte ich ein  Problem erwähnen, das die Stadtverwaltung aber ignoriert und was ihr, so vermute ich, in wenigen Jahren teuer auf die Füße fallen wird: Die drei verrostenden Schiffe, bei deren Entsorgung Manfred Schmidt sich der Verantwortung  entziehen wird, weil er das finanziell nicht stemmen kann.

 

 

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