1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Orte

Der Starenkasten am Schwarzen Ross (Lost Places 5)

Von

Ralph Steinmeyer

Als ich 1991 nach Naumburg zog, gab es ein Kuriosum zwischen Wenzels- und Jakobsring. Dort wo heute ein Spielplatz ist, stand zwischen den Bäumen ein Pavillon, durch die Wirren der Zeit arg herunter gekommen. Das galt aber auch für das zumeist männliche Publikum, das bei jedem Wetter davor stand, immer eine Flasche Bier in der Hand. Der sogenannte “Starenkasten”, eine damals über hundert Jahre alte hölzerne Gartenlaube, wie man sie aus alten Kurparks kennt, fungierte hier als Kiosk, an dem es nur eins gab: Alkohol. Wenig später verschwand er, und mit ihm seine Klientel, die sich nun einen neuen Treffpunkt zum Trinken suchen musste. Bis zur Errichtung des City-Kaufhaus in der Salzstraße sollten noch einige Jahre ins Land gehen, dann war dort in der Seitenstraße zur Neustraße ein neuer Treff für trinkende Männer gefunden. Nicht mehr so dezent im Grünen versteckt wie zuvor, wurde dies zum Kritikpunkt und folglich zum Problem der Stadt. Die überlegte sogar kurzzeitig, die unerwünschten Ansammlungen mit klassischer Musik zu verscheuchen.

Hier stand bis Anfang der 90er Jahre der Starkasten

Heute ist dort, wo der “Starenkasten” stand, eine runde Bank, als hätte man in etwa die ursprüngliche Lage und Größe andeuten wollen. Der Pavillon gehörte zum Hotel “Schwarzes Ross” und war Teil der Außenbewirtschaftung des Hotels. Nach der Wende versuchte ein Möbelgeschäft in dem mittlerweile leerstehenden Gebäude Fuß zu fassen, aber über drei Jahrzehnte stand es leer, hatte jeglichen  Fassadenschmuck über die Zeit verloren. Ein großer Häuserblock, der ein Schandfleck in dem mittelalterlichen Ambiente zwischen den erhaltenen Stadtmauern ist. Nun endlich, wird wieder gebaut an dem Objekt, altersgerechte Wohnungen entstehen, zentral gelegen innerhalb des Altstadtkerns.

Auf dieser Postkarte aus dem beginnenden letzten Jahrhundert kann man der Starenkasten ganz rechts erkennen (hinter dem z)

Auf der alten Postkarte sieht man das das Hotelgebäude schon damals ein funktionaler Bau war,  um so mehr muss der schon damals mit großen Bäumen bewachsene Garten ein lauschiger Aufenthaltsort gewesen sein. In einem dreistündigen YouTube Video, das ein Aachener Besucher bei seinem Rundgang in Naumburg gedreht hat, und wo alle Straßen, Plätze und Ecken Anfang 1990 dokumentiert sind, kommt der “Starenkasten” für zwei, drei Sekunden ins Bild. Zum Dreh-Zeitpunkt war er geschlossen, aber wie in meiner Erinnerung dunkel braun.

Schemenhaft zu erkennen: Der Pavillon im geschlossenen Zustand , Jan 1990
Eine Zeitungswerbung für das Hotel

Es gibt im Netz keine Erwähnungen dazu, außer in einem Rückblick im Naumburger Tageblatt von 1995: Vor dem Verfall gerettet wurde in Naumburg der so genannte “Starenkasten”, der als Jugendstil-Pavillon im Garten des ehemaligen Hotels “Schwarzes Roß” stand. “So schön, wie ihn Gerhard Richter wieder zu Jugendstil-Glanz gebracht hat, kennt kein Naumburger mehr den Starenkasten”, schreibt dazu das Tageblatt am 18. September. “Der Stellmacher und Tischler hat in vielen Stunden und mit großer Akkuratesse den 1894 entstandenen Kiosk restauriert.”

Der Starenkasten heute

Und in der Tat, ich kannte den restaurierten “Starenkasten” seit Jahren, er steht im Garten des Luisenhauses in der Humboldt-Straße. Aber sein nun luftiges und helles Erscheinungsbild hat sich mit meiner Erinnerung an den stark mitgenommene Getränkestand der Anfang Neunziger in keiner Weise gedeckt. Schön, hier einen Lost Place vorzustellen, der zwar in seiner Funktion verloren, aber dennoch wieder auferstanden ist, nur an einer anderen Stelle.

Falls jemand, noch eine andere Erinnerung, Geschichte oder Anekdote über den “Starenkasten” in vergangenen Zeiten weiß, bitte mir zusenden. Wie gesagt, das Netz ist ansonsten ahnungslos.

Herr Wenzel vom Heimatverein Almrich  hat mir seine Erinnerungen dazu geschrieben:

Es gab dort nicht nur alkoholische Getränke. Auch rote Fassbrause, die bei Kindern sehr beliebt war, wurde dort aus Holzfässern ausgeschenkt. Manchmal schmeckte die Brause etwas vermodert
oder nach Holz. So ein typischer Geschmack, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Durch den angrenzenden Spielplatz waren dort auch immer einige Kinder, die Durst hatten. Es wurde dort auch nicht nur Flaschenbier ausgeschenkt, sondern meistens Fassbier. Im Winter wurde es sogar auf einer kleinen Kochplatte angewärmt. Auch einen kleinen Imbiss gab es dort, meistens Bockwurst, ab und an auch mal Fischbrötchen.

Im Garten waren überall Tische und Stühle aufgestellt. Die zu dieser Zeit typisch waren, klappbare Metallgestelle mit Holzbeplankung. Die waren farblich gestrichen.  Im Winter wurden sie irgendwo eingelagert. Erinnern kann ich mich auch noch an die großen Bäume im Garten, diese fungierten als Stehtische. Rings um den Baum zogen sich Holzbretter, die als Tisch dienten. Darüber befand sich ein großes rundes Blech, welches als Dach diente, es war angemalt wie ein Fliegenpilz. Wie viele es davon gab weiß ich nicht mehr.

Im hinteren Teil des Gartens, in Richtung Spielplatz, befand sich ein Flachbau oder ein Container, in dem Bierfässer und Brausefässer gelagert waren. Die Betreiber kamen dann immer mit der Sackkarre oder Fasskarre und holten sie nach Bedarf in den Starenkasten. Es waren auch nicht nur männliche Besucher, die dort verweilten. Im Sommer, vor allem an den Wochenenden, waren auch immer viele Familien, die sich im Garten nieder ließen. Die Kinder spielten auf dem angrenzenden Spielplatz und die Eltern tranken ihr Getränk oder nahmen einen Imbiss zu sich.

 

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