Vor 35 Jahren, gerade in Naumburg wohnhaft, radelten wir des öfteren zu der 1903 im Jugendstil gebauten Villa Berglinden am Auenblick. Das imposante aber gleichzeitig verspielt wirkende Gebäude war Traumort, hier hätte man gerne gelebt, wusste aber damals schon, dass die Nummer zu groß ist, eine Restaurierung nicht finanzierbar. Und das ging anscheinend allen so, auch den späteren Käufern dieser durch die Jahrzehnte des Leerstands herunter gekommenen Gebäudes. Und es waren einige Käufer, die diese von Hauptmann a.D. von Hinckeldey als Repräsentantenhaus erbaute Villa in den Jahrzehnten nach der Wende übernommen haben. 1991, als wir dort mehrmals waren, stand sie allerdings leer, laut eines Artikels im Naumburger Tageblatt aus dem Jahr 2018 war sie bis 1998 bewohnt, was ich aufgrund des Dornröschenschlafs damals schon im Nachhinein stark bezweifele. Laut Artikel wurde sie 2008 von der Agrar- und Absatzgenossenschaft erworben, nichts passierte danach, bis es 2017 von Steffen Winter und Detlef Wallasch gekauft wurde. Heute ist es umzäunt im Verbund mit einem neu gebauten Nachbarhaus. Was für ein Kontrast…

So ist die Villa Berglinden ein „lost place“ in mehrfacher Hinsicht. Da man sie nur schwerlich vom Zugangstor aus zwischen den Bäumen ausmachen kann, ist sie für die Allgemeinheit nicht mehr im Blick. Sie ist auf einem Privatgelände und stirbt leise und unbeobachtet vor sich hin. Bei YouTube gibt es ein Video von Lutz Schweigelt, dem Naumburger, der in der RTL Serie „Berlin – Tag & Nacht“ den Papa Jo spielt, wie dieser das Haus Etage für Etage mit der Kamera in der Hand durchstreift. Und erst bei diesen Innenaufnahmen sieht man, dass das Haus eigentlich nur noch die imposante Fassade ist, ansonsten ein Millionengrab für Investoren. Mehrere Etagen sind eingestürzt, das Dach müsste grundhaft neu gemacht werden, Einsturzgefahr an verschiedenen tragenden Bauteilen. Sehr schade, aber nicht das einzige Kult-Objekt in der Stadt, das vor dreißig Jahren hätte gestemmt werden müssen, wenn wir das Drei Schwanen oder die Reichskrone betrachten, die nach der Wende noch teilweise genutzt wurden.
