1000 mal Naumburg an der Saale

1000 Orte

Das älteste Friseurgeschäft Deutschlands (Lost Places 16)

Bei verschwundenen Orten, sogenannten Lost Places kommt in der Regel nichts Neues hinterher. Bei diesem Ort in der Marienstraße 33 hat es eine Transformation gegeben. Sowohl äußerlich, was die Fassade angeht wie von der inhaltlichen Thematik her. Nach längerem Leerstand ist hier Whisky Wendelmuth eingezogen, eine schöne Aufwertung des Straßenbildes. Aber dennoch soll mit diesem Artikel daran erinnert werden, das hier bis zum Jahre 2005 das älteste Friseurgeschäft nicht nur in Naumburg, sondern in ganz Deutschland war.

Foto: Kirsten Wendelmuth

Dann gingen Veronika und Jürgen Riesebeck, die den Salon in der 7. Generation geführt hatten in Ruhestand. Eine Nachfolge ließ sich nicht finden, so dass man sich entschied das Geschäft zu schließen. Eine Legende in der langen Geschichte seit 1752, als der Ururururgroßvater von Jürgen Riesebeck, Arno Munckelt den Friseursalon eröffnete, ist die Perücke Friedrich des 2., dem „Alten Fritz“, die hier gerichtet und in Form gebracht worden ist. Eine von vielen Geschichten, die republikweit durch Zeitungsberichte und erfolgreiche Leistungswettbewerbe zur Bekanntheit und dem Prädikat „Ältester Friseursalon“ führte.

Mit 19 Jahren als jüngster Friseurmeister der DDR trat Jürgen Riesebeck in das Geschäft seiner Mutter, der letzten geborenen Munckelt ein. Zusammen leiteten sie das Geschäft ab 1957, wo Veronika noch im selben Jahr ihre Ausbildung begann. So lernten sich beide kennen und lieben und schauen nun fast siebzig Jahre später auf ein erfülltes Leben zurück. Mit ihr als Modell erreichte Jürgen bei überregionalen Wettbewerben im „Traditionsfrisieren“ den ersten Platz. Und eines Tages wurde Veronika von einem Naumburger Fotografen angesprochen,  der sie für die Werbekampagne der bekannten Shampoo-Marke Equisit ablichtete. So war man auch durch solche Erfolge „Talk Of The Town“, wie man heute gerne sagt.

Foto: Hans-Dieter Speck

Über vierzig Lehrlinge hat man in den Jahrzehnten ausgebildet, Jürgen zusätzlich zur Handwerksausbildung  ein betriebswirtschaftliches Studium absolviert und auch Veronika unterrichtete einige Jahre an der Berufsschule. Nach der Wende wurde das Geschäft noch einmal komplett umgekrempelt und neu aufgestellt. Darüber hinaus war Jürgen Innungsmeister. Zum 250. Jubiläum gab es noch einmal und diesmal bundesweit ein großes Presseinfo, von der „Süddeutschen“  bis an die Ostsee. Durch Zufall erfuhr man, das selbst im „Mickey Mouse“ Comix-Magazin ein Artikel unter dem Titel „Flotter Friseur“ veröffentlicht worden war.

Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich wie schon erwähnt schwierig, vielen Interessenten war das Geschäft zu groß und Tochter Frauke (Horn) war mittlerweile in Köln eine gefragte Maskenbildnerin bei Fernseh- und Filmproduktionen geworden. So entschied man sich, mittlerweile schon einige Jahre im besten Rentenalter, das Geschäft zu schließen. Und damit die Tradition zu beenden. 2021 feierten Veronika und Jürgen Riesebeck Diamantene Hochzeit, sind gesundheitlich immer noch fit und aktiv. Alles richtig gemacht, möchte man ergänzen und weiterhin alles Gute wünschen…

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Fotos (wenn nicht anders vermerkt) mit freundlicher Genehmigung durch Familie Riesebeck

Textgrundlagen:
– Mitteldeutsche Zeitung vom 14. Januar 2005: Ältestes deutsches Friseurgeschäft (Hans-Dieter Speck)
– Deutsche Handwerkszeitung vom 24. Januar 2023: Erinnerung an den ältesten Friseursalon Deutschlands (Yvonne Bachmann)

 

 

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